Durch verschiedene Anbieter und staatliche Institutionen, aber auch durch die eigene Person werden Verhaltens- und Bewegungsdaten in unterschiedlichen Bereichen wie Mobilität, Gesundheit und Fitness gesammelt (z. B. über Standortdienste bei Google Maps oder digitale Schrittzähler). Ziele sind z. B. die Analyse von Kund_innen-Verhalten zu Marketingzwecken oder die Vermessung der eigenen Person aus privatem Interesse.

Die Datenschutz-Debatte ist wohl von allen Themenbereichen die am längste und breitesten diskutierte. Durch verschiedene Skandalen von Google Streetview   (2007) bis zu Cambridge Analytica (2018) ist das Thema in der Gesellschaft angekommen. Politisch brachte die Annahme der EU Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) den Stein im 2016 ins Rollen. Für die Schweiz heisst das aufgrund der bilateralen Beziehungen mit der EU die Totalrevision des Bundesgesetztes über den Datenschutz, welche im dritten Entwurf diskutiert und eine Anpassung bis Mai 2020 von der EU verlangt wird. Mit Hintergrund dieser Historie und dem regulatorischen Wendepunkt: Wie steht die Schweizer Bevölkerung gemäss Digitalbarometer dem Thema #Tracking gegenüber?

Chancen- und Gefahrenwahr-nehmung der Schweiz abhängig von der Nutzung digitaler Dienste

Gefahren wahrgenommen – differenziert
Wenig erstaunlich assoziiert fast die Hälfte der Befragten (46 %) das Sammeln von Nutzerdaten mit mehr Gefahren als Chancen. Nur sehr wenige sehen mehr Chancen als Gefahren im Thema (13 %). 40 % sehen gleichermassen Chancen und Gefahren. Eine besonders negative Sicht auf das Thema haben Personen, die selber digitale Dienste wenig nutzen*. Dort assoziieren 57 % das Thema mit mehr Gefahren als Chancen.

Hohe wahrgenommene Eigenverantwortung
Die Befragten schreiben sich selber für das Vorantreiben des Themas am meisten Verantwortung zu (63 %), gefolgt von der Politik (51 %) und Forschungsinstitutionen (47 %). Männer sehen dabei mehr Verantwortung bei der Politik (60 %) als Frauen (40 %)*. Während in den sieben anderen Themenfeldern ein positiver Zusammenhang zwischen der Chancenwahrnehmung und dem Partizipationsbedürfnis besteht, ist dies hier entkoppelt. Das heisst, dass sowohl Personen, die das Thema mit Chancen assoziieren, als auch Personen die das Thema mit Gefahren verbinden, eine hohe Bereitschaft zeigen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dies verdeutlicht die Brisanz dieses Themenfelds und die wahrgenommene Notwendigkeit, sich individuell damit zu befassen.

Wer soll die Auseinandersetzung vorantreiben?

Zitate aus der Bevölkerung
«Fitness-Tracker», «Google Maps», «Google analytics», «Werbung», «Big Data», «Intransparenz». «Bei mir löst der Begriff ‹Tracking› bis anhin keine negativen Gefühle aus, beim Begriff ‹Nutzerdatensammlung› sieht es schon etwas anders aus.»

Herausforderungen und Chancen

«Wenn meine Krankenkasse sich für meine Trackingdaten interessieren würde, wäre das für mich höchstens positiv.»

«Mir fehlt die Phantasie dafür, was mit meinen Daten anzufangen sein könnte.»

«Fitness Apps benutze ich nicht, weil diese Daten von Krankenkassen missbraucht werden könnten.»

«Meistens muss man das Risiko akzeptieren, aber ich befasse mich schon damit.»

«Oftmals wird man nur darüber informiert, dass Daten gesammelt werden, aber ich glaube, den meisten Leuten ist nicht bewusst, wie die Datensammlung genau aussieht, was alles verarbeitet wird und wie es weiterverarbeitet wird.»

Wunsch nach Einbindung und Verantwortungszuschreibung

«Ich glaube, die Allgemeinheit ist mit solchen Themen grösstenteils überfordert.»

«Experten sollten meiner Ansicht nach besser Bescheid wissen, als die Bevölkerung – deshalb sollten Experten die Entscheidungen treffen oder zumindest die Bevölkerung gut informieren.»

«Jeder ist mitverantwortlich, was er von sich herausgibt.»

«Die einzelnen Firmen sollten transparenter kommunizieren.»

Expertenstimmen
«Beim Thema Sammlung Nutzerdaten (Tracking) denke ich insbesondere an Individualisierung in der Datenaufbereitung, sei es in der Werbung oder Information, Selbstvermessung sowie Mobilitäts- und Bewegungsmessungen.» (Diethelm)

Herausforderungen und Chancen

«
Generell helfen Daten, Prozesse besser zu steuern, z.B. können Verkehrsflüsse ökonomischer sowie ökologischer gesteuert werden oder sie helfen bei Grossverteilern, Konsumgüterangebot und -logistik zu managen. Eine Gefahr ist die Verletzung der kontextuellen Integrität: Zum Beispiel TomTom-Daten, die ursprünglich zur Navigation gedacht sind und dann bei der Strafverfolgung eingesetzt werden. Der User hat nicht zu dieser Art von Daten-Nutzung zugestimmt.» (Christen)

«Eine Chance ist die Personalisierung von Produkten und Dienstleistungen sowie Entscheidungsunterstützung. Eine Gefahr stellt das fehlende Bewusstsein seitens der Nutzer dar, dass und warum Daten gesammelt werden und was mit ihnen passiert.» (Scherer)

Wunsch nach Einbindung und Verantwortungszuschreibung

«Klassische Sensibilisierungsarbeit bedeutet viel Arbeit für wenig Impact, ist aber dennoch zentral. Es fehlt uns bisher ein aufrüttelndes Negativereignis.» (Diethelm)

«Es braucht Transparenz, wie und was getrackt wird. Dazu gehört beispielsweise eine Deklarationspflicht, wer mit welchen Daten was macht und an wen diese weitergegeben werden.» (Kellerhals)

«Die Gesetzgebung sollte den Blick von der Verarbeitung der Daten abwenden und auf Massnahmen richten, die es den Leuten ermöglichen, bei Missbräuchen eingreifen zu können.» (Christen)

«Die Verantwortung darf nicht allein beim Konsumenten gesehen werden. Es braucht zusätzliche regulierende Massnahmen und einen Ausbau des Konsumentenschutzes.» (Scherer)

Expert_innen:
  • Prof. Dr. Anne Scherer, Assistenzprofessorin für Quantitative Marketing am Institut für Betriebswirtschaftslehre Universität Zürich (UZH)
  • Andreas Kellerhals: Präsident Opendata.ch, früherer Direktor des Bundesarchivs
  • PD Dr. Markus Christen: Geschäftsführer Digital Society Initiative der Universität Zürich (UZH)
  • Cornelia Diethelm: Inhaberin Shifting Society AG und Gründerin eines Think Tanks für Digitale Ethik

Analyse
Das Sammeln von Daten (Tracking) wird sowohl von der Bevölkerung als auch von Expert_innen mit Gefahren assoziiert. Insbesondere der Schutz der Privatsphäre stellt eine wesentliche Herausforderung dar. Weiter gibt es noch ungeklärte Aspekte der Datensammlung: Könnten die Daten losgelöst vom ursprünglichen Verwendungszweck zu Ungunsten der einzelnen Person missbraucht werden? Wer besitzt welche Datenrechte? Welche Verantwortlichkeiten liegen bei wem?

Die hohe Komplexität und teilweise auch Intransparenz, wie Daten genutzt oder weitergegeben werden, scheinen die Bevölkerung zu überfordern, was auch die Diskrepanz zwischen der hohen Gefahrenwahrnehmung und den wenigen individuell ergriffenen Datenschutzmassnahmen erklärt. Datenschutzerklärungen sind für die meisten kaum verständlich, und es fehlt an einfachen Möglichkeiten und schlichtweg auch an Wissen, wie der persönliche Umgang mit den eigenen Daten besser gehandhabt werden kann.

Seitens Expert_innen ist klar, dass die individuelle Auseinandersetzung der Bürger_innen alleine mit dem Thema Tracking wenig Erfolg verspricht. Es braucht zum einen Sensibilisierungsarbeit, aber insbesondere auch politische Rahmenbedingungen, welche Datensammler_innen und -verwerter_innen zu Transparenz und Nutzungsdeklaration verpflichten und Nutzer_innen besser schützen. Eine zentrale Grundsatzfrage aus Expert_innen-Sicht ist die Klärung von Nutzungsrechtsfragen: Was ist zum Beispiel, wenn die Daten für andere Zwecke als ursprünglich definiert, genutzt werden? Ebenso ist eine Vereinfachung der Sprache bei Datenschutzrichtlinien wichtig.

Sowohl Expert_innen als auch der Bevölkerung ist bewusst, dass das Sammeln von Daten auch viele Chancen bietet; insbesondere für die Effizienz (z. B. von Logistikprozessen) und den Komfort (z. B. durch die Personalisierung von Angeboten) sowie die Sicherheit (z. B. im Gesundheitsbereich, bei der Überwachung pflegebedürftiger Menschen). Für einzelne Personen aus der Bevölkerung sind die damit verbundenen Gefahren das zu akzeptierende «Übel» – ein gewisser Fatalismus, der sicherlich zum Teil mit fehlendem Bewusstsein und geringer Selbstwirksamkeit einhergeht. Weiter zeigt sich, dass wenn Tracking mit positiven persönlichen Erlebnissen oder persönlichem Nutzen gekoppelt wird (z. B. im Rahmen von Sport- und Gesundheits-Apps), das Thema insgesamt mehr mit Chancen assoziiert wird.

Empfehlung: Sensibilisierung reicht nicht – es gilt Rahmenbedingungen festzulegen
Beim Umgang mit Daten besteht sowohl aus Bevölkerungs- als auch Expert_innen-Sicht deutlicher Handlungsbedarf. Die Einbindung der Bevölkerung ist hier, losgelöst vom konkreten Anwendungsfall, zentral, da das Thema uns alle betrifft. Im Rahmen von Sensibilisierungsarbeiten gilt es anhand möglichst konkreter Alltagsszenarien Herausforderungen und entsprechende Lösungsansätze für Bürger_innen zu thematisieren. Wichtig ist hierbei auf die zielgruppenspezifischen Bedürfnisse einzugehen. So sind zum Beispiel in Schulklassen eher Themen wie der Umgang mit den eigenen Daten und personalisierten Informationen im Internet, spezifisch Social Media, anzusprechen, während für ältere Altersgruppen beispielsweise das Tracking von Gesundheitsdaten ein wichtiges Thema darstellt. Um einen langfristigen sichereren Umgang mit Daten und Schutz der Privatsphäre sicherzustellen, braucht es aber politisch ausgehandelte Massnahmen. Die Klärung der Nutzungsfrage von Daten sowie verbindliche Transparenz- und Nutzungsdeklarationserklärungen stellen wesentliche Inhalte dar.

*signifikanter Unterschied

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