Die intelligente Stadt bzw. das intelligente Dorf zeichnet sich durch eine zunehmende digitale Vernetzung von Infrastrukturen (z. B. intelligente Ampelsysteme zur Steigerung der Verkehrseffizienz) und Dienstleistungen bis hin zu Personen (z. B. soziale Plattformen, die «Carsharing» ermöglichen) aus. Unterschiedliche Daten werden dazu gesammelt, analysiert und verarbeitet (Personendaten, Wetterdaten, Verkehrsdaten etc.).

Viel Hoffnung – keine blinde Euphorie
80 % aller Befragten verbinden das Thema Smart City / Smart Village zumindest teilweise mit Chancen. Lediglich 19 % sehen mehr Gefahren als Chancen darin. Dass ein grosser Teil der Bevölkerung (44 %) gleichermassen Chancen und Gefahren sehen, lässt aber auch auf ambivalente Haltungen und gewisse Unsicherheiten schliessen. Diese Zurückhaltung kann auch auf die hohe Relevanz des Themas zurückgeführt werden: Mehr als die Hälfte der Befragten (52 %) geht davon aus, dass sich das (Zusammen-)Leben in der Stadt bzw. im Dorf in Zukunft stark verändern wird.

Weiter zeigt sich, dass die Landbevölkerung tendenziell mehr Gefahren assoziiert als Stadtbewohner_innen und weniger ein Bedürfnis nach Information hat*. Dies mag unter anderem damit zusammenhängen, dass das Thema für die Landbevölkerung weniger greifbar und sichtbar ist und mit Städten in Verbindung gebracht wird.

Wie sehr wird sich das (Zusammen-)Leben verändern?

Wer soll die Auseinandersetzung vorantreiben?

Wer Chancen sieht, wünscht mehr Einbezug
Menschen wollen durchwegs bei der Weiterentwicklung ihrer Städte und Dörfer einbezogen werden. Interessant dabei: Bei den meisten anderen untersuchten Themen steigt der Wunsch nach Einbezug der Bevölkerung mit erhöhter Gefahrenwahrnehmung, um Sorgen adressieren zu können. Bei Smart City / Smart Village jedoch steigt der Wunsch nach Einbezug mit einer erhöhten Chancenwahrnehmung*. Die Vermutung liegt nahe: Wer mehr Chancen in diesem Thema sieht, will mehr konkrete Projekte umsetzen und dort auch mitreden. Dies zeigt sich auch in der Frage, wer wie mitgestalten soll. Wer mehr Chancen assoziiert, wünscht sich häufiger eine aktive Teilnahme in Pilotprojekten*. Weiter sehen diese Menschen stärker als andere die Wirtschaft in der Pflicht, das Thema weiterzuentwickeln*. Insgesamt sieht die Mehrheit der Befragten Städte / Behörden (58 %), Politik (54 %) und Bürger_innen selbst (52 %) in der Verantwortung, das Thema weiter voranzutreiben.

Zitate aus der Bevölkerung
«Vernetzung», «Gläsern», «Internet der Dinge», «Big Data», «Innovation». «Für mich ist eine City smart, wenn sie unter anderem auch versucht, in punkto Nachhaltigkeit sich zu verbessern, sei das aus ökonomischer, ökologischer oder sozialer Sicht.»

Herausforderungen und Chancen

«Wenn man coole Funktionen nutzen will, bleibt einem leider keine andere Wahl, als die Daten zu liefern.»

«Viele interessiert es auch überhaupt nicht, was mit den Daten alles angestellt werden kann.»

«Das Problem heute ist, dass je mehr Funktionen es gibt, desto komplizierter wird es. Wichtig ist daher eine einfache Usability.»

«Ein Risiko ist sicherlich das die ältere Generation mit den neuen Entwicklungen überfordert ist und abgehängt wird.»

Wunsch nach Einbindung und Verantwortungszuschreibung

«Es ist sicher wichtig, die Bedürfnisse und Wünsche aller einzubinden.»

«Expert_innen verlieren manchmal den Sinn für die Wirklichkeit.»

«Expert_innen geben die Basis. Die Bevölkerung die Musik.»

«Wenn jemand oder eine Gruppe eine gute Idee hat, dann ist es mir eigentlich egal, zu welcher Gruppe die gehören. Für mich muss es nicht zwingend neutral oder unparteiisch sein.»

«Der Absender ist eben doch spannend. Heutzutage vermutet man ja schon hinter allem einen grossen Hintergedanken.»

Expertenstimmen
«Smart Cities sollten partizipativ sein, Co-Kreation unterstützen und so gestaltet sein, dass unsere verfassungsrechtlichen, demokratischen und kulturellen Werte eingebaut sind.» (Helbing)
«In einer Smart City geht es um Verwaltungssteuerung und Ressourcenoptimierung durch smarte Datennutzung.» (Pliska)

Herausforderungen und Chancen

«Unsere Erfolgsprinzipien sind einerseits der Wettbewerb und andererseits die kollektive Intelligenz, die vor allem in der Demokratie Ausdruck findet. Beides kann durch die Digitalisierung gestärkt werden. Hinzu kommt, dass wir verstärkt die Erfolgsprinzipien der Evolution berücksichtigen sollten: Experimentieren, die besten Lösungen identifizieren und diese multiplizieren.» (Helbing)

«Die Wahrung der Datensicherheit und Privatsphäre stellt eine zentrale Herausforderung dar, der in erster Linie über Design und Regulierung zu begegnen ist.» (Pliska)

«Es ist wichtig, dass man lernt, richtig zu scheitern. Scheitern ist zentral, um Innovation zu stärken.» (Gagliani)

Wunsch nach Einbindung und Verantwortungszuschreibung

«Es braucht neue Kräfte, die ein nachhaltiges und krisenfestes Wirtschaftssystem vorantreiben. Städte und Regionen spielen hier eine besondere Rolle. Die darin lebenden Menschen und Organisationen können sie in Innovationsmotoren verwandeln und neue Lösungsansätze miteinander vernetzen. So entsteht kollektive Intelligenz.» (Helbing)

«Die Möglichkeit der Einbindung muss durch die gegeben werden, die Mittel und Entscheidungskompetenz haben, sprich die Verwaltung und die Politik. Diese Möglichkeit dann auch zu nutzen, liegt aber auch in der Verantwortung der einzelnen Bürger.» (Gagliani)

«Im Hinblick auf die Verantwortung für die Umsetzung von Smart-City-Strategien befürworte ich Public-Private-Partnerschaftsmodelle zwischen Unternehmen und Behörden.» (Pliska)

Expert_innen:
  • Prof. Dr. Dr. Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science am Department für Geistes-, Sozial- und Politikwissenschaften der ETH Zürich
  • Dr. Anne-Claire Pliska, Geschäftsführerin Innodrive und Koordinatorin Smart City Alliance
  • Margot Gagliani, Projektleiterin Smart City, Stadt Zürich

Analyse
Die zusätzlich geführten Gespräche zeigen auf, dass nicht nur unter den befragten Personen aus der Bevölkerung, sondern auch unter Expert_innen keine Einigkeit darin besteht, was eine Smart City / Smart Village ausmacht oder wie eine entsprechende Strategie zu gestalten ist. Während für einige «smart» in erster Linie für eine Ressourcenoptimierung durch Datennutzung steht, verweist die Mehrheit darauf, dass «smarte» Strategien in erster Linie das Ziel haben, neben Infrastrukturen auch Organisationen und Personen zu vernetzen und dabei auf demokratischen Grundwerten und partizipativen Prozessen aufzubauen.

Die Vernetzung als Grundbasis smarter Städte oder Gemeinden, um der zunehmenden Komplexität gerecht zu werden, stellen auch andere Wissenschaftler in den Vordergrund. Das Internet und damit verbundene technische Optionen ermöglichen eine Vernetzung von Menschen und Computern, sodass diese sich gemeinsam «smart» verhalten können. Übergeordnetes Ziel sollte dabei die Förderung von nachhaltigen ökonomischen, ökologischen und sozialen Strukturen sein.

Aus der Diskussion mit Personen aus der Bevölkerung lässt sich ableiten, dass die grössten Bedenken im Hinblick auf Datenschutz bestehen (z. B. ständige Überwachung, Hacking-Angriffe). Auch Expert_innen teilen die Meinung, dass hier eine zentrale Herausforderung liegt. Expert_innen nannten aber noch weitere konkrete Risiken wie Infrastruktursicherheit oder die allfällige Entwicklung von Lösungen für nicht-existierende Probleme (kein Bedarf).

Dennoch besteht unter Expert_innen Konsens, dass es sich hier um bewältigbare Hürden handelt. Anders gesagt, Smart City / Smart Village wird in erster Linie als grosses Chancenthema gesehen, um heutigen und künftigen gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen. Wie die quantitative Umfrage sowie die qualitative Vertiefung zeigen, gilt dies auch für die Bevölkerung – zentral ist aber die gesellschaftliche Einbindung innerhalb konkreter Umsetzungsstrategien. Den Städten selber und den Behörden wird hierbei sowohl von Expert_innen als auch von Bevölkerungsseite eine hohe Verantwortung zugeschrieben, das Thema voranzutreiben und Innovation zu fördern.

Betreffend einen möglichen zunehmenden «Graben» zwischen Städten und ländlichen Regionen äussern Expert_innen wenig Sorgen. Im Gegenteil: Sie sehen kleinere Gemeinden oder Kleinstädte (bis zu 20’000 Einwohner_innen) viel mehr als Chance und als ideale Standorte für erste Anwendungsversuche von Smart City / Smart Village. Sie sind überschaubarer, und es gilt weniger «träge» Behördenprozesse zu überwinden.

Empfehlung: Unkritische Ausgangslage – Proaktiv informieren, einbinden, experimentieren
Smart City / Smart Village stellt ein Themenfeld dar, das klar mit vielen Chancen assoziiert wird. Eine gezielte Einbindung aller Menschen bei der Umsetzung wird dennoch als äusserst zentral erachtet. Während Informieren, Wissen aneignen sowie politische Mitsprache für alle Befragten wichtig sind, lassen sich im Rahmen von Pilotprojekten vor allem digital-affine Menschen einbinden. Aus Expert_innen-Perspektive ist es vor allem zentral, all jenen eine Plattform resp. Mitsprache zu bieten, die sich aktiv und kreativ in die Gestaltung der Smart City / Smart Village von morgen einbringen möchten und können.

Die mehrheitlich positive Wahrnehmung sowie das hohe Bedürfnis nach Einbindung bilden eine ideale Ausgangslage, um das Thema in der Breite zu diskutieren und proaktiv eine Zukunft mit Smart City / Smart Village zu gestalten. Weiter sind kleinere Städte oder ländlichere Gemeinden gezielt im Innovationsprozess von Smart City / Smart Village-Strategien einzubinden, da sie sich als passende Standorte für erste Pilotanwendungen eignen.

*signifikanter Unterschied

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